
Wie lange dauert vermissen?
Stefanie Thöniß
26.09.1975 - 03.03.2026
So oft wurde Dir nach schweren Operationen Hoffnung gemacht – die Hoffnung, dass nun alles gut würde. Und jedes Mal hast Du trotz Deiner Einschränkungen daran geglaubt. Mit bewundernswertem Mut und tiefem Optimismus hast Du Dich immer wieder zurück ins Leben gekämpft.
Was lange als immer schlimmer werdende Migräne galt, endete im Jahr 2021 völlig unerwartet in einer schweren Hirnblutung. Die komplexe Operation zur Entfernung der Gefäßfehlbildung in Deinem Gehirn – der arteriovenösen Malformation – war erneut mit Hoffnung verbunden: mit der Hoffnung, dass die Ursache behoben sei. Ein ganzes Jahr hast Du tapfer Untersuchungen, Rehas und Therapien ertragen. Mit unglaublicher Kraft fandest Du fast vollständig zurück ins Leben.
Doch die Hoffnung sollte trügerisch sein. Ein Jahr später riss Dich eine weitere Hirnblutung erneut aus allem heraus. Und doch hast Du Dich wieder aufgerichtet – getragen von Deinem starken Willen, Deiner Ausdauer und der Hilfe vieler Ärztinnen, Ärzte und Therapeutinnen, die auf diesem Weg zu Freunden wurden. Dein Optimismus war nun von Skepsis begleitet, und doch bist Du weitergegangen. Eine weitere schwere Operation sollte Sicherheit bringen. Wie sehr hätten wir uns gewünscht, daran glauben zu können.
Wieder ein Jahr später schlug das Schicksal erneut zu. Schon deutlich eingeschränkt, hast Du Dich dennoch nicht unterkriegen lassen. Eine Hirnbiopsie brachte schließlich die bittere Gewissheit: zerebrale Amyloidangiopathie (CAA). Endlich hatte das Leid einen Namen – für die Migräne, die Anfälle, die neurologischen Ausfälle, die Blutungen. Doch wie schwer ist eine Diagnose, wenn es keine Heilung gibt. Manchmal frage ich mich, ob Nichtwissen gnädiger gewesen wäre.
Als Dich kurz darauf erneut eine schwere Blutung traf, wünschte ich Dir in meiner Verzweiflung fast, dass Du weiteres Leiden nicht mehr erleben müsstest. Schweren Herzens mussten wir Dich – wegen Deiner zunehmenden Einschränkungen – in ein Pflegeheim ganz in unserer Nähe geben. Dort wurdest Du sofort liebgewonnen. Trotz allem hast Du Dir Dein freundliches Wesen und Dein zauberhaftes Lächeln bewahrt. Und doch hat es mir das Herz zerrissen, Dich dort zu sehen. Du wusstest, dass Du nie mehr nach Hause kommen würdest. Ich aber habe die Hoffnung dennoch nie ganz aufgegeben.
Gerade in den letzten Monaten schienst Du noch einmal aufzublühen. Deine Worte wurden klarer, „ja“ und „nein“ fanden wieder ihren Weg. Dein Appetit kehrte zurück, Ausflüge im Rollstuhl nahmst Du bewusster wahr. In mir keimte die Hoffnung, Dich vielleicht doch noch einmal zu Hause versorgen zu können.
Umso tiefer war der Schock, als sich Dein Zustand plötzlich dramatisch verschlechterte. Eine weitere schwere Blutung, gefährlich nah am Hirnstamm. Notaufnahme, Koma, Notoperation. Und wieder hast Du gekämpft. Die Ärztinnen und Ärzte hofften, Du würdest nach dem Koma wieder selbstständig atmen können. Ich aber spürte, dass nun der Moment gekommen war, in dem Du gehen wolltest – und durftest. So hättest Du dieses letzte Jahr, die letzten Monate nicht gewollt. Zu oft klang in Deinen Sprechversuchen der Widerstand gegen diesen Zustand mit.
Gemeinsam mit den Kindern, Deinem Bruder und den Ärzten haben wir Dich schweren Herzens gehen lassen. Dein Körper kämpfte noch vier Tage, bis Du am 3. März 2026, an einem sonnendurchfluteten Vormittag um 10 Uhr, friedlich eingeschlafen bist. Ich durfte bei Dir sein, Deine Hände halten, Dein Gesicht streicheln. Selbst nach Deinem Tod warst Du wunderschön – zart und still, wie aus Porzellan. Ich hoffe so sehr, dass Du meine Nähe noch gespürt hast.
Nun bist Du nicht mehr hier – und doch für immer bei uns. Jeden Tag frage ich mich, warum ein so liebevoller, anständiger Mensch, der stets für andere da war, gehen musste. Manchmal kommen Zweifel: ob ich genug getan habe, ob mehr möglich gewesen wäre. Die tröstenden Worte unserer Ärztin halten mich aufrecht: „Unter den gegebenen Umständen haben Sie alles richtig gemacht und das Beste geleistet, was man hätte leisten können.“ Und doch bleibt ein leiser Rest Zweifel.
Deine Beerdigung hat gezeigt, wie viele Menschen Dich geliebt haben. Die Kapelle war gefüllt – auch von Pflegekräften, die eigens gekommen waren. Einer von ihnen sagte: „Ihre Frau war etwas ganz Besonderes für uns.“ Und selbst der Himmel ehrte Dich. Nach kalten Regentagen schien an diesem Tag überraschend die Sonne – ein einzelner Sonnenstrahl fiel während der Trauerrede auf Dein Bild und Deine Urne. Ein stiller, magischer Moment, in dem alles innehielt.
Auch Wochen später spreche ich unbewusst Deinen Namen aus, halte Zwiesprache mit Dir in Gedanken. Mein Weg führt mich noch immer in alter Gewohnheit an Deinem Pflegeheim vorbei. Die neue Stille nach Feierabend oder am Wochenende ist noch ungewohnt. Manchmal glaube ich, der Schmerz lasse nach – und dann überkommt er mich mit voller Wucht. Ich heule spontan hemmungslos los.
Die Zeilen von Siri Hustvardt beschreiben es durch eigene Erfahrungen perfekt:
"Trauer ist nicht konstant. Ich kann mich tagelang gegen den Sturm abschotten,
und dann kommt ein scharfer Wind und haut mich um."
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