Lost Places & Unlost Places  Ehemaliges Ostpreussen - Polen, Russland, Litauen

Schlösser, Burgen, Herrenhäuser

Russischer Teil - Kaliningrader Gebiet

Nur äußerst selten sind im heutigen Kaliningrader Gebiet alte Gutshäuser bzw. Schlösser erhalten geblieben. Was nicht während des Krieges schon zerstört wurde, ist in den Nachkriegsjahren gezielt als unliebsame Hinterlassenschaft eines preußisch-militaristischen Systems abgetragen worden. In vielen Fällen konnten auch keine Details zu historischen Darstellungen ermittelt werden und zum Teil fehlen sogar die konkreten Zuordnungen zu heutigen Ortschaften bzw. die ehemaligen Ortschaften sind einfach nicht mehr existent.

Das Gebiet des ehemaligen Ostpreußens teilen sich Polen, Russland und Litauen. Das Bereisen des polnischen und litauischen Teils ist heute kein Problem mehr. Schwieriger gestaltet sich die Einreise in die russische Region. Das Kaliningrader Gebiet ist seit der Wende in den 1990er Jahren als Exklave Russlands eingebettet zwischen Litauen und Polen. Über Jahrzehnte war das Gebiet eine Sperrzone und kann auch heute zumindest durch Westeuropäer nur mit umständlichen Formalitäten betreten werden. Der Grenzübergang Mamonowo (Heiligenbeil) mit seinem eingezäunten Niemandsland erinnert an die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Reisende mit deutschem Kennzeichen in den ewig langen Autoschlangen vor den Kontrollhäuschen wirken exotisch. Ohne ein paar russische Sprachkenntnisse ist man sowohl bei der Einreise als auch beim Reisen auf eigene Faust im Inland ziemlich verloren. Auf Hinweise und Formulare in englischer oder gar deutscher Sprache oder englischsprechende Bewohner sollte man nicht hoffen. Es gibt aber hier und da Anzeichen, dass sich das Land auch dahingehend weiter öffnet.

Sind die Grenzformalitäten einmal überwunden, eröffnet sich eine surreale Welt. Dabei muss sich der westeuropäische Besucher beim Betreten der Region auf ein anderes Spektrum im wahrsten Sinne des Wortes einstellen. Graue Tristesse mit bunten Farbtupfern regiert in den Städten und Ortschaften. Das Auge gewöhnt sich nach kurzer Zeit und sucht das Detail. Verschwindende Ruinen deutscher Vergangenheit, architektonische Scheußlichkeiten aus der sozialistischen Ära und moderne Bausünden aus heutiger Zeit eingebettet in eine einmalige Landschaft mischen sich zu einem faszinierenden Potpourri.

Hat die ältere Generation der heutigen russischen Bewohner den Großen Vaterländischen Krieg noch nicht verwunden und lehnt zumindest offiziell jegliche Erinnerung an die deutsche Vergangenheit ab, so ist die Jugend der Geschichte durchaus aufgeschlossen und kokettiert gern mit deren Symbolen und Begriffen ohne damit wirklich politische Bekenntnisse abzugeben. So zum Beispiel lassen sich an die Wand gesprühte Elchschaufeln finden oder auf kyrillisch "Ostpreußen lebt" bis hin zum Schriftzug "I love König" (bei den Jugendlichen wird die Stadt Kaliningrad in Anlehnung an ihren alten Namen Königsberg häufig nur als "König" abgekürzt).

Das Gebiet ist ein kleines Abbild Russlands. Je weiter man sich von der Hauptstadt Kaliningrad entfernt um so heruntergekommener und ärmlicher werden die Orte und Städte. Vereinzelte, vergleichsweise intakte oder restaurierte Ortschaften sind in der Regel auf engagierte Bürgermeister mit guten Beziehungen zu einflußreichen Oligarchen oder auf massive Spendenaktionen aus dem Ausland zurückzuführen.

Dennoch ist nach Jahren der Stagnation überall Aufbruch zu spüren. Ein gelegentliches Überschwingen führt zu argen Blüten beim Wiederaufbau und muß wohl verziehen werden. Das Gebiet erfindet sich gerade neu und es bleibt nichts als ihm dabei eine glückliche Hand zu wünschen.